zum zweiten Atelier

Schon lange übrfällig sind neue Infos und Fotos vom Atelierumzug!

Im letzten März mussten wir vom Atelier Herosé unser Lager in Aarau abbrechen und unsere neue Bleibe beziehen.

In der doch eher kurzen Zeit, welche wir in Aarau verbracht hatten, sammelte sich so Einiges an, sodass unser Umzug zwei volle Tage und den Einsatz von 7 Personen forderte.

Schwere Maschinen mussten in Autos gehievt und an ihre neuen Plätze gebracht werden. Gehortete Schätze wurden nach Notwendigkeit sortiert und zum Teil ausgeschaubt. Im nie betretenen, mit Schimmelpilz

wattierten Keller wurden aufgeweichte Kartonschachteln geöffnet und die darin gefundenen Liebesbriefe gelesen sowie freudig Kisten mit CD’s, die Kindheitserinnerungen weckten, durchwühlt.

Nach diesem Abschied verweilen wir nun als Atelier “zur heiteren Forelle” im Rüetschi Haus in Suhr wo wir uns zu acht eine 200 Quadratmeter grosse Fläche teilen.

Es dauerte eine Weile bis wir uns eingelebt und eingerichtet hatten, da noch Einiges gemacht werden musste. Doch unterdessen ist das Ganze eine recht ansehnliche, stolze Sache geworden, die ich Euch natürlich nicht

vorenthalten möchte. ;)

 

IMAG0423

IMAG0428

sdr

dav

  Kategorie: Allgemein


Werdegang eines Vestons

Der Veston – das beste Kleid im Schrank des Mannes.

Ab Stange gekauft, sitzen die guten Stücke leider oft nicht ganz so toll wie gewünscht – ich will nun in diesem Beitrag zeigen, was es bedeutet, einen perfekt passenden Veston auf Mass zu schneidern.

 

Die Konstruktion des Schnittmusters ist anspruchsvoll und zeitaufwendig. Es lohnt sich, mit voller Konzentration dahinter zu gehen, da sich Fehler, die sich zu diesem Zeitpunkt einschleichen, durch die gesamte weitere Arbeit ziehen. In jedem Fall sollte ein Prototyp aus Moulure angefertigt werden, denn grosse Änderungen am definitiven Veston sind sehr schwierig vorzunehmen.

IMAG0190

Passt der Schnitt, kann er aus dem Stoff zugeschnitten werden. Ich verwendete bei diesem Modell einen Chevron (Fischgrat-Musterung) aus Kaschmir, Seide und Schurwolle. Da der Chevron Längsstreifen hat, musste ich beim Zuschnitt darauf achten, dass Teile, bei denen die Musterung weiterlaufen muss, richtig aufgelegt werden.

IMAG0191  IMAG0193IMAG0194

 

Insgesamt besteht dieser Veston aus 59 Einzelteilen.

Alle zugeschnittenen Teile müssen bezeichnet, fixiert und gesichert werden.

 

IMAG0260 IMAG0261 IMAG0263 IMAG0264

 

Die Abnäher sowie die Teilungsnähte werden geschlossen, damit die Taschen verarbeitet werden können. Damit diese während der weiteren Verarbeitung nicht aufklaffen, werden sie vorübergehend zugenäht.

Das wird auch in der Konfektion oft so gemacht – Taschen,  welche nur Atrappen zu sein scheinen, können oft mit einer spitzen Schere geöffnet werden – aber vorsichtig bitte! ;)

IMAG0265 IMAG0195 IMAG0266

IMG-20160130-WA0004

Bei der Brusttasche musste ich daruf achten, dass die Musterung weiter läuft.

Im Brustbereich wird zur Verstärkung ein Plack aus Ross- und Wollhaareinlage eingearbeitet.

IMG-20160130-WA0003 IMG-20160201-WA0000 IMG-20160201-WA0023

Die Verarbeitung des Reverskragens war für mich der anspruchsvollste Arbeitsschritt.

IMAG0276

IMAG0277

IMAG0278

IMAG0282

Auch hier musste ich darauf achten, dass die Streifen weiter laufen.

Bei den Herren wird der Unterkragen aus Filz gefertigt. Dadurch wird der Kragen sehr formstabil.

IMG-20160201-WA0025

IMG-20160201-WA0029

Nach gefühlten 100 Stunden mit Schablonen bügeln und erkalten lassen – die Arbeit am Veston brauch seeeehr viel Geduld ;) – werden in einem nächsten Schritt die Ärmel gefertigt und eingesetzt.

Auch diese Arbeit fordert viel Geduld, denn die Weite der Armkugel muss von Hand mit winzig kleinen Stichen eingereiht werden.

IMAG0283 IMAG0284 IMAG0286 IMAG0295

Die Ärmel werden mit Wollhaareinlage und einem Armfischli verstärkt.

Sind sie einmal eingesetzt und auch die Achselpolster an ihrem Platz, kann mit dem Futter begonnen werden.

Klassisch hat das Futter vier Innentaschen – drei links und eine rechts.

 

IMAG0313 IMAG0314  IMAG0316  IMAG0315

Vor dem Einfüttern werden noch die Knopflöcher gestickt und der ganze Veston (so gut es geht) schön gebügelt.

 

IMAG0320

Nach 65 Stunden und 25 Minuten bin ich mit meinem ersten komplett selbst geschneiderten Veston doch ganz zufrieden. :)

veston1

veston3

 

  Kategorie: Werkschau


Entstehung eines Wintermantels

Da der Winter momentan versucht, sich doch noch irgendwie ein Bisschen einzubringen und das Wetter leider auch für mich keine Ausnahme macht, müsst Ihr Euch wohl noch etwas gedulden, bis die Fotos der Januarbeutel hochgeladen werden.

Da ich in letzter sowieso Zeit sehr viel anderes zu tun hatte, möchte ich Euch einmal einen  Einblick in das  Ateliergeschehen geben.

Ich werde an den Märkten oft gefragt, ob ich denn meine Kleidungsstücke selber designen würde. Wenn ich dann zur Antwort gebe, ich sei Schneiderin und nähe sie auch alle selber, führt das oft zu einem erstaunten “ach diesen Beruf gibt es noch?”. Ja, diesen Beruf gibt es noch – ein wunderschönes Handwerk, welches ich Euch gerne etwas näher bringen möchte.

 

Diesen Winter durfte ich einer Freundin den Wunsch eines massgeschneiderten Wintermantels erfüllen.

Sie kam mit dem Bild eines Mantels zu mir, den sie genau so haben wollte. Ich will euch nun den Ablauf seiner Entstehung zeigen.

 

Als Erstes haben wir das Modell zusammen bespochen und einige Abänderungen vorgenommen.

Danach musste ich an ihr alle relevanten Masse nehmen und daraus ein Grundmuster erstellen.

IMAG0133

Grundmuster Oberteil

Das Grundmuster wird abkopiert, um daraus die Ableitung, also das eigentliche Modell, zu zeichnen.

IMAG0151

Ableitung

Hier sieht man das Schnittmuster eines Mantels mit Tonneau-Silhouette, verdecktem Schlitz am Rücken, einem Vorderteil mit einfachem Knopfverschluss und einer Leistentasche, sowie den Mantelärmel und den Stehkragen.

Arbeitszeit bis zu diesem Punkt: 3h45

Nun wird von diesem Schnitt ein Modell aus Moulure angefertigt. Moulure ist ein  billiger Baumwollstoff, welcher zur Herstellung von Prototypen verwendet wird. Es empfiehlt sich oft, einen solchen  anzufertigen, um später das eigentliche Modell ohne weitere Änderungen fertigstellen zu können.

IMAG0139

Moulure-Prototyp

 

Alles was bei der Anprobe nicht gepasst hat – hier war der Kragen zu hoch und die Weite über die Brust etwas zu knapp sowie die Silhouette zu stark tailliert – kann nun am Schnitt geändert werden, sodass der definitive Zuschnitt perfekt passt.

Arbeitszeit bis zu diesem Punkt: 7h10

Jetzt kann erst mit dem eigentlichen Mantel begonnen werden. Der Stoff wird abgebügelt und doubliert, das Schnittmuster möglichst wirtschaftlich aufgelegt, Nahtzugaben angezeichnet und ein erster Grobzuschnitt gemacht.

IMAG0152

Schnittauflage

Einen Grobzuschnitt braucht es, da einzelne Partien und ganze Schnittteile wie z.b der Kragen noch mit einer Klebeeinlage fixiert werden müssen, damit sie einen besseren Halt haben. Das geschieht in einer Bügelpresse, die den Stoff je nach Material aufgrund der Hitze noch etwas eingehen lässt. Sind alle Teile mit Klebeeinlage fixiert, folgt der Feinzuschnitt. Danach werden wichtige Strecken und Punkte bezeichnet; durch “Rädeln” mit einem speziellen abfärbenden Papier oder mit Faden. Strecken, die schnell verziehen, werden mit passenden Sicherungs-Klebebändern noch zusätzlich gesichert.

Arbeitszeit bis zu diesem Punkt: 10h15

 

Erst wenn alle Vorbereitungen getroffen sind, kann mit Nähen begonnen werden.

Ich habe mit dem Rücken angefangen. Die Hintere Mitte wird geschlossen und der Schlitz ausgeführt.

Danach habe ich die Leistentaschen am Vorderteil gemacht.

IMAG0153

Anstürzen der Leiste und des Taschenrückens

 

Sind die Taschen und der Schlitz fertig, können die Einzelteile zusammengenäht und die Säume gebügelt werden.

Danach wird der Kragen verarbeitet. Dabei muss darauf geachtet werden, dass der Oberkragen (die sichtbare Seite bei heruntergeklapptem Kragen) genug Weite hat, damit die Naht nicht nach oben zieht. Das ist bei jedem Stoff anders und muss immer wieder ausprobiert werden.

 

Zu guter Letzt werden noch die Ärmel geschlossen. Dort wo der Ärmel in das Armloch eingesetzt wird, hat er zu viel Weite, die passend eingereiht und eingebügelt werden muss damit sich eine schöne, runde Form über die Schulter bildet. Um dies zu unterstützen, habe ich noch Achselpolster eingearbeitet.

Mantel von Innen vor dem Einfüttern

IMAG0157

Bereit zur zweiten Anprobe

 

So sieht ein Kleidungsstück dann schon ziemlich vollendet aus – es fehlen aber noch knapp 10 Arbeitsstunden bis der Mantel tatsächlich fertig sein wird.

Denn nun geht die ganze Geschichte wieder von vorne los – mit dem Futter.

Damit der Wintermantel schön warm gibt, habe ich das Futter noch mit einer Watte unterlegt.

IMAG0162

Zusammenhängen des Futters mit der Watte

IMAG0164

Futter mit Watte unterlegt

 

Danach kann das Futter zusammengesetzt und der Mantel damit eingefüttert werden. Das Einfüttern beinhaltet viele kleine Arbeitsschritte wie das Anbringen des Aufhängers, das Einfüttern des Schlitzes oder das Befestigen des Saumes von Hand, welche für den Kunden oft nicht ersichtlich sind und trotzdem auf keinen Fall vergessen werden dürfen.

IMAG0167

Eingefütterter Schlitz

Ist die Jacke einmal eingefüttert, müssen noch die Knopflöcher gestickt und die Knöpfe angenäht werden.

Da dieser Mantel sehr grosse Knöpfe und daher auch lange Knopflöcher hat, dauerte dieser Arbeitsschritt zusätzliche 3 Stunden.

IMAG0168

Knopfloch sticken von Hand

Nach 26 Stunden und 25 Minuten dann der grosse Moment – der letzte Knopf wird angenäht und die Bezeichnungsfäden entfernt.

Fertiger Mantel

 

 

 

 

 

 

 

 

  Kategorie: Werkschau


Atelierbezug

Heute durften wir unser Atelier in Aarau beziehen und einrichten. Wir teilen uns ein altes Haus mit tollen, lieben Leuten und freuen uns riesig auf die Zeit, die uns nun bevorsteht.

Wie wir so sind, haben wir die Grösse des Raumes leicht überschätzt und mussten daher etwas improvisieren bei der Einrichtung. Im Grossen und Ganzen sind wir aber sehr zufrieden und freuen uns auf viele schöne Stunden in unseren eigenen vier Wänden!

 

Damit Ihr Euch auch vorstellen könnt, wie es bei uns aussieht, hier ein paar Fotos:

 

20150103_150307 20150103_150258 20150103_150234

  Kategorie: Allgemein