Entstehung eines Wintermantels

Byxx beaumode,

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Da der Winter momentan versucht, sich doch noch irgendwie ein Bisschen einzubringen und das Wetter leider auch für mich keine Ausnahme macht, müsst Ihr Euch wohl noch etwas gedulden, bis die Fotos der Januarbeutel hochgeladen werden.

Da ich in letzter sowieso Zeit sehr viel anderes zu tun hatte, möchte ich Euch einmal einen  Einblick in das  Ateliergeschehen geben.

Ich werde an den Märkten oft gefragt, ob ich denn meine Kleidungsstücke selber designen würde. Wenn ich dann zur Antwort gebe, ich sei Schneiderin und nähe sie auch alle selber, führt das oft zu einem erstaunten “ach diesen Beruf gibt es noch?”. Ja, diesen Beruf gibt es noch – ein wunderschönes Handwerk, welches ich Euch gerne etwas näher bringen möchte.

 

Diesen Winter durfte ich einer Freundin den Wunsch eines massgeschneiderten Wintermantels erfüllen.

Sie kam mit dem Bild eines Mantels zu mir, den sie genau so haben wollte. Ich will euch nun den Ablauf seiner Entstehung zeigen.

 

Als Erstes haben wir das Modell zusammen bespochen und einige Abänderungen vorgenommen.

Danach musste ich an ihr alle relevanten Masse nehmen und daraus ein Grundmuster erstellen.

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Grundmuster Oberteil

Das Grundmuster wird abkopiert, um daraus die Ableitung, also das eigentliche Modell, zu zeichnen.

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Ableitung

Hier sieht man das Schnittmuster eines Mantels mit Tonneau-Silhouette, verdecktem Schlitz am Rücken, einem Vorderteil mit einfachem Knopfverschluss und einer Leistentasche, sowie den Mantelärmel und den Stehkragen.

Arbeitszeit bis zu diesem Punkt: 3h45

Nun wird von diesem Schnitt ein Modell aus Moulure angefertigt. Moulure ist ein  billiger Baumwollstoff, welcher zur Herstellung von Prototypen verwendet wird. Es empfiehlt sich oft, einen solchen  anzufertigen, um später das eigentliche Modell ohne weitere Änderungen fertigstellen zu können.

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Moulure-Prototyp

 

Alles was bei der Anprobe nicht gepasst hat – hier war der Kragen zu hoch und die Weite über die Brust etwas zu knapp sowie die Silhouette zu stark tailliert – kann nun am Schnitt geändert werden, sodass der definitive Zuschnitt perfekt passt.

Arbeitszeit bis zu diesem Punkt: 7h10

Jetzt kann erst mit dem eigentlichen Mantel begonnen werden. Der Stoff wird abgebügelt und doubliert, das Schnittmuster möglichst wirtschaftlich aufgelegt, Nahtzugaben angezeichnet und ein erster Grobzuschnitt gemacht.

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Schnittauflage

Einen Grobzuschnitt braucht es, da einzelne Partien und ganze Schnittteile wie z.b der Kragen noch mit einer Klebeeinlage fixiert werden müssen, damit sie einen besseren Halt haben. Das geschieht in einer Bügelpresse, die den Stoff je nach Material aufgrund der Hitze noch etwas eingehen lässt. Sind alle Teile mit Klebeeinlage fixiert, folgt der Feinzuschnitt. Danach werden wichtige Strecken und Punkte bezeichnet; durch “Rädeln” mit einem speziellen abfärbenden Papier oder mit Faden. Strecken, die schnell verziehen, werden mit passenden Sicherungs-Klebebändern noch zusätzlich gesichert.

Arbeitszeit bis zu diesem Punkt: 10h15

 

Erst wenn alle Vorbereitungen getroffen sind, kann mit Nähen begonnen werden.

Ich habe mit dem Rücken angefangen. Die Hintere Mitte wird geschlossen und der Schlitz ausgeführt.

Danach habe ich die Leistentaschen am Vorderteil gemacht.

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Anstürzen der Leiste und des Taschenrückens

 

Sind die Taschen und der Schlitz fertig, können die Einzelteile zusammengenäht und die Säume gebügelt werden.

Danach wird der Kragen verarbeitet. Dabei muss darauf geachtet werden, dass der Oberkragen (die sichtbare Seite bei heruntergeklapptem Kragen) genug Weite hat, damit die Naht nicht nach oben zieht. Das ist bei jedem Stoff anders und muss immer wieder ausprobiert werden.

 

Zu guter Letzt werden noch die Ärmel geschlossen. Dort wo der Ärmel in das Armloch eingesetzt wird, hat er zu viel Weite, die passend eingereiht und eingebügelt werden muss damit sich eine schöne, runde Form über die Schulter bildet. Um dies zu unterstützen, habe ich noch Achselpolster eingearbeitet.

Mantel von Innen vor dem Einfüttern

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Bereit zur zweiten Anprobe

 

So sieht ein Kleidungsstück dann schon ziemlich vollendet aus – es fehlen aber noch knapp 10 Arbeitsstunden bis der Mantel tatsächlich fertig sein wird.

Denn nun geht die ganze Geschichte wieder von vorne los – mit dem Futter.

Damit der Wintermantel schön warm gibt, habe ich das Futter noch mit einer Watte unterlegt.

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Zusammenhängen des Futters mit der Watte

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Futter mit Watte unterlegt

 

Danach kann das Futter zusammengesetzt und der Mantel damit eingefüttert werden. Das Einfüttern beinhaltet viele kleine Arbeitsschritte wie das Anbringen des Aufhängers, das Einfüttern des Schlitzes oder das Befestigen des Saumes von Hand, welche für den Kunden oft nicht ersichtlich sind und trotzdem auf keinen Fall vergessen werden dürfen.

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Eingefütterter Schlitz

Ist die Jacke einmal eingefüttert, müssen noch die Knopflöcher gestickt und die Knöpfe angenäht werden.

Da dieser Mantel sehr grosse Knöpfe und daher auch lange Knopflöcher hat, dauerte dieser Arbeitsschritt zusätzliche 3 Stunden.

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Knopfloch sticken von Hand

Nach 26 Stunden und 25 Minuten dann der grosse Moment – der letzte Knopf wird angenäht und die Bezeichnungsfäden entfernt.

Fertiger Mantel